Interview „Die Letzten Dinge“

„Die Letzte Dinge“, die im Wohnzimmer noch gefehlt haben.

Und das Spiel geht weiter.

Fotos und Interview: Sophie Kern

Anläßlich der Austellungsserie „KunstRaumDarmstadt“ hat der Fotograf Thomas Arntz seine Bilderserie „Die letzten Dinge“ im Wohnzimmer eines Hauses in der Bismarckstraße aufgehängt. Ich habe ich mich mit ihm kurz unterhalten.

In der „Guten Stube“ mit Bild #24

Sind die Bilder von Cindy Bellecourt echt?
Die Bilder sind echt, aber nicht von Cindy! Die habe natürlich ich gemacht. “Die letzten Dinge“ ist wie eine Bildergeschichte. Nur weiß niemand, der es sieht, daß er gerade ein Teil einer Inszenierung ist.

Warum denken Sie sich so eine schreckliche Geschichte aus?
Ich erfinde alle möglichen Geschichten. Cindys Geschichte sticht. Die tätschelt nicht und lullt nicht ein. „Die letzten Dinge“ ist ein emotionaler Überfall.

Es gibt Menschen, die deshalb nicht gut auf Sie zu sprechen sind.
Ja, das kann sein. Ich fordere Mitgefühl und Fantasie ab und lasse das dann leer laufen. Manche fühlen sich vielleicht benutzt oder sogar mißbraucht. Manche fragen mich, warum sie sich so etwas schreckliches ansehen müssen. Aber ist das das Problem?
In einer Geschichte sucht sich jeder selbst. So funktionieren Geschichten – ob wahr oder nicht. Jeder stellt sich seinen Teil vor. Meine Bilder sind banal und eigentlich belanglos. Der Kontext macht sie schrecklich und noch viel mehr die Fantasie der Zuschauer.

Aber Sie haben den Zusammenhang vorgegeben…
Ja. Weil ich etwas erzählen will. Soll ich, weil es eine schlimme Vorstellung hervorruft, es nicht erzählen? Ist das Schreckliche nicht offensichtlich ein Teil von uns, in jedem – auch dem unbescholtenem, braven Bürger? Das Schreckliche und das Ende können wir nicht einfach übergehen.

Bild #34

Und was wollen Sie denn eigentlich erzählen?
Mich interessiert, wie eine Erfindung zu einer Wahrheit wird, sich in der Wirklichkeit, ich sage mal „manifestiert“. Die Gefühle, die jemand beim Betrachten der Bilder empfindet, sind ja echt und in den Köpfen wird die Geschichte zu einem Teil der Wirklichkeit von jemandem, der sich das ansieht. Der webt das in seine Welt ein, mit tausend Assoziationen. Und es gibt in diesem Fall kein Abkommen, wie im Kino oder Theater. Es gibt keine intellektuelle Distanz. Den Menschen, die das sehen, bleibt nichts anderes übrig, als es zu erleben. Ohne Pose und Maske.

Aber ist dieses Projekt nicht auch eine Pose für Sie? Ihre anderen Bilder sind ja still und statisch.
Finden sie? Das sehe ich nicht so. Ich empfinde die Bilder, wie den Blick in eine Welt, die still ist, weil sie das Bild eingefroren hat. Davor hat sich unheimlich viel getan hat. Ich denke an die Spuren einer Schlacht, das Trümmerfeld nach dem Kampf, wenn der Staub sich gelegt hat oder der Nebel sich lichtet. Und vielleicht geht es gleich wieder los, vielleicht ist das der eine Moment der Ruhe in einem Kampf den Weg zu finden und Hindernisse zu durchbrechen. Für mich bewegt sich da viel! Im Prinzip fragen diese Bilder das Gleiche, wie die Geschichte von Cindy – nur ganz ohne Trompeten….
Und eine Pose ist ja eine gespielte Haltung, eine angenommener, fremder Standpunkt und Ausdruck. Cindy macht keine Aussagen, die nicht von mir sind. Cindy ist nur eine Avatar. Ich wollte ein tragisches, unglaubliches Ende vor den Anfang dieser Geschichte stellen, schon allein, um die Bilder glaubhafter wirken zu lassen. Das sind, für die Momente der Illusion, so was wie Reliquien. Welche Pose haben sie den vermutet?

Cindys Zeitungsartikel an der Wohnungstür

Also, ich habe den Artikel gelesen und fand die Geschichte schrecklich. Als ich die Bilder gesehen habe, wurde das noch schlimmer…In der Wohnung hatte ich das Gefühl, dass Cindy hier gewohnt hat – wie eine Gedenkstätte…dann habe ich mir gedacht, daß die Bilder ja irgendwie gemacht sein müssen…ja, eigentlich, wie Sie es sagen: ich habe das, schon mit meiner Fantasie ergänzt…

Vielleicht ist Kunst sowieso eine Maske oder eine Pose. Es ist ja auch eine ungleiche Unterhaltung zwischen Betrachter und Künstler. Als Betrachter kann man sich bildnerischen Fragen und Behauptungen nur entziehen, wenn man wegguckt. Aber so sind wir Menschen nicht gestrickt….

Sie fotografieren hauptsächlich schwarz-weiß….
Nein. Es gibt auch farbige Bilder.

…die aber etwas ganz anderes sind, als die Schwarz-Weiß-Bilder.
Farbe ist anders. Farbe vermittel viel mehr den Eindruck einer differenzierten Darstellung der Wirklichkeit. Die Form und die Reihe sind da wichtig, um Inhalt zu erzeugen und zu sehen, denke ich. Farbe wirkt unmittelbarer, näher. Geometrische Strenge schafft vielleicht mehr ein Muster und weniger eine Verdichtung. Das ist mein Eindruck! Farbe ist tatsächlich geschwätzig – das muß man in ein Bild mit einbauen.

Aber ihre Themen in Farbe sind auch ganz andere.
Ich finde, es sind Variationen der Themen in Farbe. Es ist einfach ein anderes Medium. Ein Bild in schwarz-weiß erzählt etwas anderes, als das gleiche Bild in Farbe. Deswegen gibt es Bilder, die schwarz-weiß sind und andere, die farbig sind. Sein müssen!

Wo sind Menschen in ihren Bildern.
Außerhalb des Rahmens (lacht). Nein, tatsächlich fällt es mir schwer Menschen für mich „richtig“ in einem Bild zu haben. Ich habe das Gefühl, die Menschenfigur, die dann zu sehen ist, wird zu sehr zum Mittelpunkt und das will ich nicht. Ich schaue in das Bild im besten Fall in einen menschlichen Gedanken, einen Traum oder ein Gefühl. Da stört eine menschliche Figur, lenkt ab.
Aber ich arbeite dran. Ich habe Lust nicht nur einen Blick zu werfen, sondern eine Geschichte zu erzählen…mal sehen.

Was steht denn als nächstes an?
Ich hätte gerne mehr Ruhe für das Labor, also für Experimente. Kunst ist ja ein immerwährendes Experiment
und ein Versuch, eine Idee ausdrücken und zu beleuchten…
Aber…es wartet auf mich Alltag.
Und Alltag ist keine Kunst. (Pause). Kommt aber meistens drin vor.

Bild #12 und #20 (rechts)